GOOD INTENTIONS, PURE HEART

Habe ich in guter Absicht gehandelt? War ich dabei ehrlich zu mir selbst? Heute bewerte ich meine Taten anhand dieser Fragen. Klingt einfach. Ist es überhaupt nicht.



2018. Für mich ein wichtiges Jahr. Ein Burnout machte mir klar, dass ich den eingeschlagenen Weg verlassen muss. Symptome hatte ich schon lange. Zuerst öfters Verspannungen im Rücken. Zunehmend strahlten die Rückenschmerzen in den Kopf aus. Migräneartig. Pulsierende Augen. Nur noch liegen ging. Im dunkeln. Die Hände auf den Augen haltend. Manchmal halfen Medikamente. Kurzfristig. Dann kamen Schlafstörungen dazu. Nichts besonderes. In unserer Familie normal. Irgendwann schläfst du schon. Einfach nicht nachts. Nicht annähernd die Stunden, die du bräuchtest. Gleichzeitig wurde mein Immunsystem immer schwächer. Anfangs war ich nur in den Ferien krank. Wenn die Anspannung abfiel. Plötzlich war ich öfters grippig, als gesund. Trotzdem blieb ich kaum weg von der Arbeit. Nasenspray konsumierte ich schon täglich seit ich 15 war. Später wurde Dafalgan mein treuer Begleiter. Es ging so weit, dass ich während der Arbeit kurz erbrechen ging, ein paar Mittel nachwarf und weiter arbeitete.


"Alles halb so wild". Ich weiss. "Das kennen viele". Habe ich oft gehört. Ich selbst redete mir ein, alles sei in Ordnung. Dass ich eine Pechsträhne hätte. Höchstens. Ich fand Ausreden: "Wenn ich nicht immer Krank wäre, würde ich auch nicht am Limit laufen." oder "Bald wird es ruhiger – wenn dieses Projekt zu ende ist." oder "Per Ende Jahr sollte ich eine zusätzliche Person einstellen können. Das gibt mir den nötigen Raum. Die nötige Ruhe". Einzugestehen, dass etwas schief gelaufen ist, war keine Option. Das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Und ich verliere nicht. Zu lange hatte ich dieses Luftschloss aufgebaut. Gerechtfertigt durch gut zurechtgelegte Argumente. An die selbst ich mit der Zeit nicht mehr glaubte. Status, Geld und Macht offenbarten sich immer deutlicher als die wahren Antreiber. Das machte mich fertig. So ein Mensch wollte ich nie sein. Trotzdem hatte ich im Verborgenen Angst, genau diesen Status, das Geld oder die Macht zu verlieren. Und das Luftschloss wurde doch so wunderschön. Wie hätte ich das niederreissen können?


Ich liess es also stehen. Baute es leicht um. Suchte eine Stelle in Bern. Ohne Führungsverantwortung. Ohne Reisen ins Ausland. Anders als erhofft, wurde ich nach meiner Kündigung aber nicht freigestellt. Fast sieben Monate musste ich nach Bekanntgabe meines Abgangs ausharren. Eine spezielle Situation. Mein Wort galt nichts mehr. Outputs wurden noch dieselben erwartet. Unangenehme Aufgaben fielen mir zu. Ich war ohnehin bald weg. Immer verzweifelter suchte ich nach einem Sinn in meiner Arbeit. In meinem eingeschlagenen Weg. Vergebens. Ich redete mir ein, dass mein Feuer mit dem Antritt der neuen Stelle zurück kommen würde. Es schien, eine auf mich zugeschnittene Position zu sein. Erneut durchstarten. Das war mein Ziel. Es kam alles anders. Bald blockierten Angstattacken meine Arbeit. In Gesprächen nahm ich mein Gegenüber kaum noch wahr. Eine normale Interaktion war nicht möglich. Sinnbefreite, einstudierte Phrasen brachte ich hervor. Stotternd. Mehr nicht. An schriftlichen Berichten scheiterte ich. Teils hatte ich mehrere Stunden an einem Satz. Das Resultat war erschreckend schlecht. All mein Einsatz half nichts. Mehrmals wurde ich darauf angesprochen. Es wurden Lösungen gesucht. Noch immer redete ich die Probleme klein. Erst, als Weinkrämpfe weitere Gespräche verunmöglichten, sah ich ein, dass etwas nicht mehr in Ordnung ist. Ich wurde nach hause Geschickt. Die Angstattacken blieben. Ich war wie gelähmt. Mein Arzt verschrieb mir Psychopharmaka und verwies mich an einen Psychiater. Zuerst rechnete ich damit, nach einem verlängerten Wochenende wieder am Start zu sein. Der Psychiater schrieb mich für 2 Wochen krank. "Danach werde ich wie neu geboren sein", dachte ich. Kurz darauf wurde ich in stationäre Behandlung eingewiesen. Sechs Wochen verbrachte ich in einer Burnout-Klinik. Mein Luftschloss wurde für mich abgerissen. Wegen machelhalften Wartungszustand. Noch heute bin ich nicht vollständig regeneriert.


Seit 2018 habe ich mich intensiv mit mir auseinandergesetzt. Ich wollte verstehen, wie es so weit kommen konnte. Burnout mit 30. Das kann doch nicht sein. Mir war klar, dass ich nicht in mein altes Leben zurück kann. Früher oder später wäre ich wieder am selben Punkt angelangt. Das kann kein Medikament der Welt verhindern. Nur ich selbst. Also habe ich mein Leben komplett umgekrempelt. Meine Werte hinterfragt und neu definiert.


Früher wollte ich mein engstes Umfeld stolz machen. Ihnen zeigen, dass ich auf meinem Weg erfolgreich sein kann. Einem Weg, den sie sich nicht für mich wünschten. Hinter dem sie nicht stehen konnten. Den sie nicht verstanden. Kritiker wollte ich vorführen. Ihnen zeigen, dass sie falsch lagen. Dass sie mich unterschätzten. Dadurch stieg der Druck. Es ging nicht mehr bloss um die Sache selbst. Misserfolge wären einem Gesichtsverlust gleichgekommen. Dazu fühlte ich mich für das Glück meines Umfeldes verantwortlich. Wenn Leute in meiner Nähe nicht glücklich sind – warum sollten sie Zeit mit mir verbringen wollen? Warum sollten sie mich mögen? Kurz: Ich wollte allen gefallen. Ich wollte, dass mich alle mögen. Ich wollte bewundert werden. Ziemlich ambitioniert. Da helfen alle summa-cum-lauda-Abschlüsse, alle Beförderungen und Lohnerhöhungen nichts. Das einzige, was ich erreichte, war ein totaler Persönlichkeitsverlust. An jeder Ecke verbog ich mich. An keiner Ecke verbog ich mich stark genug. Anstatt alle glücklich zu machen, machte ich niemanden glücklich genug. Am wenigsten mich selbst.


Heute gebe ich viel Verantwortung ab. Will keine unnötigen Regeln. Keine Kontrolle. Dafür mehr Vertrauen. Denn kontrollieren kann ich ohnehin nicht alles. Weder das Glück anderer, noch die Zukunft. Ich kann versuchen, in guter Absicht zu handeln. Ausschliesslich. Ich kann versuchen, nur so zu handeln, dass ich mit meinen Taten im Reinen bin. Mich selbst und meine Werte nicht verrate. Das ist, was ich bieten kann. Mein Geschenk an mein Umfeld und an mich selbst. Was mein Umfeld daraus macht, liegt nicht in meiner Hand. Im besten Fall kriege ich dasselbe zurück. Aber: Wenn ich das erwarten würde, wäre es kein Geschenk mehr. Deshalb: Ich erwarte nichts im Gegenzug.


Vielleicht beschreite ich noch immer nicht den Weg, den sich mein engstes Umfeld für mich wünscht. Noch immer habe ich Kritiker. Vielleicht mehr denn je. Mittlerweile ist mir das egal. Weder mein Umfeld noch meine Kritiker muss ich von irgendetwas überzeugen. Aber ich handle in guter Absicht. Mit reinem Gewissen. So kommt alles, wie es kommen muss.


🏔️ Furkapass, 2'429 m ü. M.

🚴‍♂️ @ruedibeck

📷 @ridewithtill

🚲 S-WORKS Tarmac Disc, 2019, von @iamspecialized_road


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